„Wenn ich mich auf ein Lernziel konzentriere, ergeben sich die Resultate von selbst“

Das Interview führte Mila Hanke exklusiv vor dem Freeride World Tour-Finale 2018. Mila Hanke ist Diplompsychologin, Sportpsychologin (asp) und Journalistin und lebt derzeit in Aschau im Chiemgau (Deutschland). Infos zu ihr und ihrer Arbeit gibt es im Netz unter www.sportandmind.info, www.die-sportpsychologen.de/milahanke und www.milahanke.de). Das Interview ist zuerst auf der Internetseite www.die-sportpsychologen.de erschienen (Link zum Original), einem Netzwerk und Blog-Portal für SportpsychologInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ich durfte das Interview hier freundlicherweise übernehmen.

Lorraine Huber gewann 2017 die Freeride World Tour (FWT) der Ski Damen – die Weltmeisterschaft der Freerider. Seit Jahren fährt die 38-jährige Österreicherin aus Lech am Arlberg ganz vorne in der Weltspitze mit. Wer die Wettkampfbedingungen nicht kennt: Die Teilnehmer dürfen den zu fahrenden, mit Felsklippen durchsetzten und meist sehr steilen Tiefschneehang nur von gegenüber per Fernglas besichtigen, um sich vorab eine möglichst spektakuläre Abfahrtslinie zu überlegen. Einen Trainingslauf gibt es nicht. Für den Wettkampf steigen die Fahrer und Fahrerinnen nach oben zum Startpunkt und müssen dann die Linie ihrer Wahl möglichst schnell, flüssig, mit tiefen Klippensprüngen, Tricks und sauberen Landungen abfahren. Judges bewerten den „run“ nach einem Punktesystem. Diejenige mit der höchsten Gesamtpunktzahl aus fünf weltweit verteilten Contest gewinnt den Weltmeistertitel.

Seit Januar steht Lorraine Huber in der FWT 2018 unter dem Druck, ihren Vorjahrestitel zu verteidigen. Die ersten drei von fünf internationalen Contests liefen nicht wie erhofft, Lorraine lag danach nur auf Platz acht der Gesamtwertung. Beim Contest im Österreichischen Fieberbrunn am 10. März musste ein Knoten platzen, um doch noch unter die besten Sechs und damit ins Finale am 31. März in Verbier einzuziehen. Und dieser Knoten platzte: Lorraine siegte in Fieberbrunn und schaffte als Gesamtvierte doch noch den Sprung ins Finale (siehe Video des Runs unten). Auch aufgrund ihrer mentalen Vorbereitung.

Im Interview mit Journalistin und Sportpsychologin Mila Hanke verrät sie, welche Mentaltechniken ihr wann am meisten helfen. Außerdem interessant: Weil Lorraine die mentale Stärke im Ski-Sport so wichtig ist und sie auch andere Sportler in dieser Fähigkeit unterstützen möchte, absolviert sie gerade ein Masterstudium zum Mentalcoach an der Universität Salzburg.

Photo: Zoya Lynch

Lorraine, wie wichtig ist der „mentale Faktor“ in deinem Sport?

Beim Freeriden ist er enorm wichtig. Es wäre aber ein Trugschluss zu denken, dass innere Stärke ausschließlich im Kopf, also durch die richtigen Gedanken entsteht. Je besser mein Training in der Saisonvorbereitung lief, je stärker ich körperlich bin, je ausgeruhter ich mich fühle, je mehr ich meinem Material vertraue usw., desto stärker bin ich auch im Kopf. Körper und Geist hängen eben immer zusammen und beeinflussen sich gegenseitig.

Von welcher sportpsychologischen Methode hast Du bisher am meisten profitiert?

Von ideomotorischem Training, auch Visualisierungstraining genannt. Vor jedem Wettkampf stelle ich mir meine geplante Abfahrtlinie im Detail vor, vom Start bis ins Ziel. Und zwar aus meiner eigenen Perspektive. Beim Freeriden ist das enorm wichtig, da wir den zu fahrenden Hang nur von gegenüber „besichtigen“ können und es keine Trainingsläufe gibt. Du fährst also oft für dich komplett neues Gelände. Vorab stelle ich mir nicht nur das Gelände vor, wie es aus meiner Perspektive aussehen wird – die Rinnen des Hanges, die Felsen, die ich umfahren muss, die Klippen, die ich springen will, die Landeflächen usw. – , sondern auch das Rundherum am Contest-Tag: das Geräusch des Helikopters, der uns oben am Berg absetzt, die Atmosphäre am Start während des Wartens, meine Empfindungen direkt im Start-Gate – so lebendig wie möglich und mit allen Sinnen. Wenn ich die Bilder im Kopf mit den Emotionen verbinden kann, die ich an den verschiedenen Orten und Zeitpunkten im Wettkampf empfinden möchte, dann ist die Wirkung dieser Mentaltechnik umso stärker.

Seit Beginn der Freeride World Tour 2018 im Januar stehst du unter dem Druck, deinen Weltmeistertitel vom letzten Jahr zu verteidigen. Der Saisonstart lief aber nicht so gut und bis zu deinem Sieg in Fieberbrunn sah es sogar aus, als würdest du es nicht ins Finale schaffen. Wie gehst du mit hohem Leistungsdruck um?

Dabei hilft mir die richtige Zielsetzung. Ich konzentriere mich voll und ganz auf mein Skifahren – also wie ich technisch fahren möchte – und nicht auf das Resultat, das ich erzielen will. Es ist gut, eine übergeordnete Vision wie einen Weltmeistertitel zu haben, um Zugkraft zu generieren und Ressourcen zu fokussieren. Aber während meiner Wettkampfsaison hilft es mir enorm, den Fokus auf kleinere Teilziele zu lenken, bis hin zu dem, was ich am Wettkampftag frühstücke oder wie ich mich aufwärme. Ganz wichtig ist für mich zudem, bei jedem Contest neben einem Leistungsziel auch ein Lernziel vor Augen zu haben – wie zum Beispiel einfach Spaß zu haben, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln, von Konkurrentinnen dazuzulernen. Wenn ich mich auf das Lernen und meine persönliche Entwicklung konzentriere, dann ergeben sich die Resultate von selbst. Diese Lernziel-Perspektive war auch ein wichtiger Baustein dafür, dass ich trotz des Rückstandes fokussiert und motiviert geblieben bin, den Contest in Fieberbrunn gewonnen und es doch noch ins Finale geschafft habe.

In deinem Risikosport könnte ein Fehler schwere Verletzungen mit sich bringen oder sogar tödlich sein. Was hilft Dir, mit Ängsten umzugehen?

Beim Freeriden wie auch bei anderen Sportarten hilft es zunächst, Gefühle der Angst zu differenzieren: Wovor genau habe ich Angst? Sind es Ängste rund um die eigene Gesundheit? Und/oder Versagensängste? Und/oder Zukunftsängste? Wenn ich zum Beispiel Versagensängste empfinde, bin ich meist blockiert, was dazu führt, dass ich sehr verhalten bzw. verkrampft Ski fahre. Indem ich sportpsychologisch daran arbeite, verschiedene Eigenschaften in mir aufzubauen oder zu stärken (zum Beispiel mehr Mut, mehr Entschlossenheit), kann ich mich selbst von einem blockierten in einen mutigen Zustand verändern. Bestimmte Eigenschaften stärke ich unter anderem durch diszipliniertes Denken (unterstützende Wörter, Sätze und Bilder durch meinen Kopf gehen lassen) sowie diszipliniertes Verhalten (unterstützende Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke). Dabei gibt es eine Vielzahl an mentalen Techniken, die ich einsetze. Ein Beispiel für diszipliniertes Denken wäre, mir in einer angstauslösenden Situation nicht innerlich zu sagen: „Boah, das ist ja brutal steil! Wenn das jetzt schief geht…“. Sondern mir zuzusprechen „Ich habe mich bestmöglich vorbereitet, um eine Passage wie diese zu meistern. Ich schaffe das!“

Welche Mentaltechniken nutzt du sonst noch in einem Wettkampf?

Wenn ich oben am Start stehe, muss ich „vom Kopf“ – also von der ganzen akribischen Planung und Analyse vorab – „in meinen Körper“ kommen. Nur dann gelange ich bei der Abfahrt wirklich in einen Flow-Zustand. Mittlerweile funktioniert das bei mir sehr schnell über eine Routine aus Körperreizen. Zum Beispiel vor dem Start die Oberschenkel abklopfen, Fäuste ballen, tiefes Ein- und Ausatmen, in die Hände klatschen. Dann lenke ich meinen Fokus auf das Hier-und-Jetzt und bin auch körperlich aktiviert und „ganz da“, um meine Leistung genau jetzt, in den folgenden Minuten, erbringen zu können.

Interview: Mila Hanke, zur Profilseite von Mila Hanke

Freeride World Tour 2017 Video Highlights

In this video you can follow me on my road to the crown at the Freeride World Tour 2017. After 8 seasons of competing and two recent injuries, 2017 was the year everything finally came together. Developing the mental strength skills to compete in a high pressure situation was the crucial factor for me last season. It allowed me to find flow during my runs and, as a by-product, win the championship. I’m currently studying a master’s degree in mental strength coaching at the University of Salzburg, Austria, and I can’t wait to continue honing my mental strength skills during competition this winter and learn as much as I can as a future mental strength coach. As always, I’m continuously honing my technical skiing as well and I love this ongoing process, because there is always something new and fun to learn.

I want to thank my sponsors for the great partnership over many years now: Lech Zürs am Arlberg, Kästle Skis, Bergans of Norway, SCOTT Sports, and the Olympiazentrum Vorarlberg. Being able to focus on skiing for the past decade and grow as an athlete would not have been possible without you! Thank you and here’s to many more years of excellent partnership!

Swatch Freeride World Tour Chamonix

I just got home from the 3rd stop of the Swatch Freeride World Tour in Chamonix. I wish I could write something more exciting than what really happened at the comp: after hours of travelling, 2 weather days, inspection in challenging weather conditions, numerous riders meetings and interviews, getting up at 5:00am on the day of competition and pouring so much energy into one run, I had a stupid crash at the very start of my line by burying my ski tips into the snow. Sure it was quite flat light and there was a bit of a wind crust, but when I ski normally I rarely have crashes like that. It was super disappointing! My conclusion is that I’m simply too nervous. My plan of action to deal with my lack of contest experience is to ski as many comps as I can, there are a couple coming up in Austria during February before the 3rd FWT stop in Roldal, Norway: the Eric Themel Invitiational in Schruns and the 4-star Freeride World Qualifier in Hochfügen.

Regarding the competition itself, all in all it was a big success and a great experience to spend time on and off snow with some of the world’s best freeriders. Kästle team mate Jackie Paaso won the women’s event with a gutsy and strongly skied line, stomping all her cliffs smoothly and with confidence, so proud of her! Angel Collinson who is an amazing skier came in 2nd with a technical line and my room mate and line-discussion buddy Janina Kuzma from New Zealand came in 3rd with a fluid run and some stylish airs to the lookers right of the venue. The women put on a great show and the level of skiing was amazing!

The competition venue in Chamonix